Lehranstalt für alle befähigte Kinder in der Weimarer Republik
Im Anschluss an das deutsche Kaiserreich und als Folge des 1. Weltkrieges entstand die Weimarer Republik (1919-1933). Mitten in revolutionären Unruhen fanden 1919 die Wahlen zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung statt. Die Verfassung vom 11. August 1919 beendete die Übergangsperiode seit dem Rücktritt Wilhelm II. und legte das demokratisch-parlamentarische Fundament der Weimarer Republik.
Mit diesen tief greifenden Ereignissen bestand die Möglichkeit, das Realgymnasium Eilenburg aus einer "Standesschule" in eine Lehranstalt für befähigte Kinder aller sozialen Schichten zu entwickeln. Danach sollte nicht mehr die soziale Stellung der Eltern über Bildung und Entwicklung eines Kindes bestimmen, sondern allein Fleiß und Intelligenz maßgebend sein. Aber dennoch blieb der höhere Bildungsgang vom Geldbeutel der Eltern abhängig, da Schulgeld bezahlt werden musste und Unterhaltshilfen kaum gewährt wurden.
In den 20er Jahren gab es jedoch für etwa 10% der Schüler einen Schulgelderlass. So erhielten z.B. im Jahr 1929 von den 199 Schülern 33 Schüler diesen Schulgelderlass. Das waren rund 16% der Gesamtschülerzahl. Die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft des Realgymnasiums änderte sich kaum, aber es muss erwähnt werden, dass in den Jahren der Weimarer Republik auch einige Arbeiterkinder die Schule besuchten.
Die Schülerzahl stieg von 254 im Jahre 1919 auf 286 im Jahre 1924. Den niedrigsten Stand erreichte sie im Jahre 1929 mit 199 Schülern. Das Jahr 1926 war besonders bedeutungsvoll für das Eilenburger Realgymnasium. Erstmals wurde es auch Mädchen ermöglicht, die Reifeprüfung am Realgymnasium abzulegen, um zum Studium gelangen zu können. Das erforderte eine Reform der Lehrpläne, weil nun in Übereinstimmung mit dem Lyzeum nicht mehr Latein sondern Englisch als 1. Fremdsprache gelehrt werden musste.
Diese Fächer wurden unterrichtet: Religion, Deutsch, Latein, Französisch, Englisch, Geschichte, Erdkunde, Physik, Chemie, Mathematik, Zeichnen, Singen, Turnen, Schreiben, Naturkunde. Schriftliche Prüfungsarbeiten waren in Deutsch, Französisch, Englisch und Mathematik zu leisten. Für die mündliche Prüfung mussten die Schüler und Schülerinnen ihr gesamtes schulisches Wissen parat haben. Zeugnisse gab es in der Weimarer Republik zu Ostern, im Herbst und zu Weihnachten.
Bereits 1929 bestand im Realgymnasium eine kleine Bücherei ("Hilfsbücherei"). Für ein geliehenes Lehrbuch musste eine Gebühr von 20 Pfennigen und für weitere Lektüre 10 Pfennige bezahlt werden. Bei unpünktlicher Rückgabe hatte der Säumige eine Strafgebühr von 10 Pfennigen zu bezahlen. Selbst Klassenfahrten wurden zu Beginn der 20er Jahre am Realgymnasium durchgeführt. Es ist bekannt, dass die Schüler z.B. mit dem Rad von Eilenburg nach Meißen und mit der Eisenbahn in den Harz, ins Bodetal, fuhren.
Ab 1930 stand nach einer Direktorenkonferenz die staatsbürgerliche Erziehung im Mittelpunkt der schulischen Bildungs- und Erziehungsarbeit. Ebenfalls in diesem Jahr fanden Fachkonferenzen für Religion und für mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer statt. Auf diesen standen Diskussionen zu neuen Lehrinhalten und Methoden im Mittelpunkt.
Vor Ausgabe der Zeugnisse führte das Lehrerkollegium Zensurenkonferenzen durch und legte fest, welche Schüler "Anmerkungen" erhalten sollten. Der 85. Geburtstag des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg wurde am Realgymnasium mit Festrede und Schulfeier 1932 würdig begangen. Aus diesem Anlass erhielten 3 Schüler Prämien im Wert von 35 Mark, 20 Mark und 15 Mark. Die Schülerzahlen stiegen erfreulicherweise auf 240 im Jahr 1932 an.
Direktoren der Schule in der Weimarer Zeit waren bis 1922 Dr. Redlich und von 1923-1933 Direktor Schulz.
